Sa 16. Juni 2012
(1) Eröffnungskonzert Samstag, 16. Juni - 18 Uhr Marktkirche St. Benedikti
Matthias Eisenberg, Orgel
Kammerorchester „musica juventa“ Halle /S. weiter...
(1) Eröffnungskonzert Samstag, 16. Juni - 18 Uhr Marktkirche St. Benedikti
Matthias Eisenberg, Orgel
Kammerorchester „musica juventa“ Halle /S. weiter...
QUEDLINBURGER MUSIKSOMMER 2012
Die Orgel – eine Königin
Majestätisch, manchmal sogar unnahbar, prägen Orgeln Kirchen, Konzertsäle und Privaträume. Entsprechend des Zeitgeschmackes sind sie im Prospekt (Schauseite) reich verziert oder schlicht gestaltet. Königlich bleibt in jedem Fall die Vielfalt ihrer Ausdrucksmöglichkeiten. Diese werden durch die Register erzeugt. Hinter einem Register verbirgt sich eine ganze Pfeifenreihe. Dafür werden verschiedene Pfeifen zu Gruppen mit einer charakteristischen Klangfarbe zusammengefasst, die dann die unterschiedlichsten Musikinstrumente repräsentieren. Indem man ein Register zieht, kann solch eine Gruppe zum Klingen gebracht werden. Die Register haben entsprechende Namen, z. B. Waldflöte, Trompete oder Vox humana.
Seit den Anfängen seiner Existenz hat der Orgelbau eine beeindruckende Wandlung erfahren. Winddruck und Windzufuhr, Kraft und Kraftübertragung, Klang und Klangfarbe sind wohl die 3 wichtigsten Merkmale zur Unterscheidung dieses Wunderwerkes des Instrumentenbaus. Angefangen hat es in Ägypten um 250 vor Christus. Einen ersten Höhepunkt erlebte der Orgelbau in der Barockzeit (u.a. Gottfried Silbermann). In unserer Zeit entstehen Instrumente mit fast unübersehbaren Kombinationsmöglichkeiten und damit verbundener Klangvielfalt, die es einem Organisten nicht unbedingt leichter machen, eine überzeugende Registerwahl zu treffen.
Die größte Orgel der Welt steht interessanterweise in einem Kaufhaus in Philadelphia (USA), hat 408 Register und 28765 Pfeifen. Die größte Orgel Deutschlands befindet sich im Dom zu Passau, hat 233 Register mit insgesamt 17974 Pfeifen.
Demgegenüber sind die Orgeln in Quedlinburg vergleichsweise klein. Von nachweislich 10 Orgeln in der Stadt ist eine aus baulichen Gründen gänzlich abgebaut worden (Johanniskapelle). Die Orgel in der Aegidiikirche ist zur Zeit nicht spielbar und muss von Grund auf restauriert werden. Eine Orgel (Blasiikirche) ist in städtischer Obhut. Sie ist in gutem Zustand. Alle anderen Orgeln erklingen regelmäßig zu Gottesdiensten und Konzerten. Die Orgel der Marktkirche besitzt 52 Register mit ca. 5000 Pfeifen. Sie stammt aus der Orgelwerkstatt von Ernst Röver aus Hausneindorf in der Nähe von Quedlinburg. Diese Orgel soll restauriert und in ihren spätromantischen Originalzustand von 1888 zurückgeführt werden.
In der Stiftskirche steht eine Orgel aus dem Jahr 1971, gebaut von der Orgelbaufirma Schuke aus Potsdam mit 27 Registern und ca. 3000 Pfeifen, die eher dem barocken Klangbild entspricht, ein vermehrt silbriger, obertonreicher Klang.
Die Anfänge des Orgelbaus in der Stiftskirche lassen sich nicht genau bestimmen. Es ist aber anzunehmen, dass es auf den bis ca. 1200 in Quedlinburg stattfinden Reichstagen schon Orgeln gegeben hat, wenn auch in kleiner, eventuell transportabler Form. Für 1677 wurde ein Orgelneubau für die Stiftskirche beschlossen, was darauf schließen lässt, dass es mindestens eine Vorgängerorgel gegeben haben muss. Die ab diesem Zeitpunkt nachgewiesene Orgel ist wohl die erste, die eine wohltemperierte Stimmung besaß, noch bevor Andreas Werckmeister (1645–1706) diese 1691 erstmalig in seiner Schrift über die „Musikalische Temperatur“ der Welt offenbarte. Die wohltemperierte Stimmung ermöglichte es durch kleine Veränderungen im Abstand der Töne zueinander, in allen erdenklichen Tonarten Kompositionen zu spielen.
Eine lückenlose Chronologie des Orgelbaus in der Stiftskirche fehlt allerdings bisher. Klar ist, dass der Vorgängerbau der jetzigen Orgel noch auf der Westempore, der so genannten „Kaiserloge“ stand. Durch Kriegseinwirkungen und Überalterung war diese aber bald nach dem II. Weltkrieg nicht mehr benutzbar. Die jetzige steht im Hohen Chor, und damit ist das Orgelspiel für die Zuhörer auch sichtbar.
Die erste Orgel in der Marktkirche St. Benedikti wird bereits 1510 mit 5 Pfeifenreihen erwähnt. Als diese unbrauchbar wird, erhält die Marktkirche ein Instrument mit 32 Registern, welches damit zu den größten zwischen Wolfenbüttel und Halberstadt gehörte. Zwischenzeitlich muss es hier noch eine zweite, kleinere Orgel gegeben haben, die dann im Hohen Chor der Marktkirche stand.
Interessant ist noch zu erwähnen, dass es sogar in einem ehemaligen Schulgebäude in Quedlinburg eine Orgel gibt, die möglicherweise dafür konzipiert war, besondere schulische Veranstaltungen festlich zu gestalten. Sie befindet sich in der Aula des Bildungshauses „Carl Ritter“. An dieser Stelle möchte ich auf die Orgelwanderung am 26.August hinweisen.
Die Klangvielfalt der Orgel lässt unterschiedliche Einsatzmöglichkeiten zu. Klassisch war die Orgel zunächst als Begleitinstrument in Gottesdienst und Messe jeden Sonntag im „Einsatz“. Dieses geschah spätestens seit 800 nach Christus. Dabei wirkte sie zunächst nur bei bestimmten gottesdienstlichen Teilen, dem Gloria und Sanctus mit. In den Fastenzeiten schwieg die Orgel! Das Aufkommen des Kirchenliedes nach der Reformation war der Anfang eines umfangreicheren Einsatzes im Gottesdienst. Die Komponisten und Orgelbauer regten sich gegenseitig an, und damit erweiterten sich Kunstform und Orgelbau bis zum ersten Höhepunkt mit Johann Sebastian Bach (1685-1750) und Gottfried Silbermann (1683-1753). Es entstanden nun Kompositionen, die den gottesdienstliche Rahmen inhaltlich und in ihrer Länge überstiegen (z.B. die 6 Triosonaten von J.S.Bach). Die Orgel etablierte sich in dieser Zeit immer mehr als absolutes Soloinstrument.
Bis dahin war sie auf alle Fälle schon Begleitinstrument für Sänger, Instrumentalisten und Chöre. Spätestens seit Georg Friedrich Händel (1685-1759) war die Orgel aber auch konzertantes Instrument im Zusammenspiel mit einem Orchester. Diese Vielfalt soll sich in den Konzerten des Quedlinburger Musiksommers 2012 widerspiegeln.
Zwei besondere Akzente wird es darüber hinaus geben. Zum einen ist es am 11.Juli der „gesungene Orgelpunkt“, eine ganz besondere Art des polyphonen Gesanges in Albanien, der zum Weltkulturerbe der UNESCO gehört - Weltkulturerbe trifft auf Weltkulturerbe.
Zum anderen ist es der Klavierabend am 24.August, bei dem Orgelwerke, für Klavier bearbeitet, erklingen werden.
Sie sind alle herzlich eingeladen, „eine Königin“ in der besonderen Atmosphäre der in den Quedlinburger Musiksommer eingebundenen Veranstaltungsräume wie der Stiftskirche St. Servatii, der Marktkirche St. Benedikti oder dem Salfeldtschen Palais zu erleben. Allen, die den Quedlinburger Musiksommer ideell und materiell unterstützen, danke ich an dieser Stelle sehr herzlich.
Im Namen aller Mitarbeiter und Mitwirkenden freue ich mich auf zahlreiche Besucher und heiße Sie jetzt schon herzlich willkommen.

Domorganist
